HEXEN-TOUR
durch Vorpommern und Westpommern
Wer sich auf die Spuren der Hexen in Pommern begeben möchte, wird an verschiedenen Stellen fündig. Zum einen gibt es noch Zeugnisse der grausamen Hexenverfolgungen: Gefängniszellen und Galgenberge, auf denen – meist etwas außerhalb der Stadt – auch vermeintliche Hexen erhängt oder sogar verbrannt wurden. Zum anderen kann man sich natürlich auch auf die Suche nach den Heilkräften von bestimmen Kräutern begeben: wer erkennt das Hexenkraut (Circaea)? Wer sich also eher für die natürlichen Kräfte der „Hexen“ interessiert, die zumindest von den medizinisch kundigen Männern und Frauen der Zeit eingesetzt wurden, kann sich wiederum in zahlreichen botanischen Gärten im Land umschauen. Wer es märchenhafter mag, findet auch märchenhafte Wälder, in denen so mancher Baum aussieht wie ein Fabelwesen...
Barth
Über 40 Hexenprozesse wurden zwischen 1578 und 1653 in Barth geführt. Vermutlich wurden auch diejenigen, die der Hexerei angeklagt waren, in das Verlies des Fangelturms geworfen, bevor es für nicht wenige „vom Leben zum Tode“ auf dem Scheiterhaufen ging. Das tief versenkte Verlies wurde im 18. Jahrhundert verschlossen, inzwischen ist es jedoch wieder freigelegt und kann heute besichtigt werden.
Die Chronik der Stadt Barth beleuchtet die Hexenprozesse aus der Sicht des frühen 20. Jahrhunderts. Mehr zum Thema Hexen in Barth findet sich auch hier: link
Stralsund
Von Barth aus geht es weiter nach Stralsund – dort wurden 1558 die vermutlich ersten pommerschen „Hexen“ verbrannt. Nikolaus Gentzkows Tagebuch (link) erwähnt, dass am 23. März 1558 in Stralsund drei Frauen und ein Mann verbrannt wurden. Eine der Frauen, Woltbrecht Vosses, hatte direkt hinter der Marienkirche in einer von ihm vermieteten Wohnung gewohnt. Sie hätte im „peinlichen Verhör“ (also unter der Folter) sie zugegeben, sich zwei Teufel gezaubert zu haben, nach deren Ratschlägen sie Arzneien verabreichte. Hinter der Marienkirche sind heute noch Gebäude aus dem Mittelalter erhalten (z.B. Die Marienstraße 19), die Stralsunder Altstadt gehört zum UNESCO Weltkulturerbe.
Von hier aus kann man weiter nach Rügen fahren und dort im Märchenwald zauberhafte Bäume entdecken oder sich auf die Suche nach Heilkräutern begeben, zum Beispiel auf dem Kräuterhof Rügen. Zahlreiche Sagen spielen auf der Insel Rügen, die zu Hexen und Zauberern finden sich hier (link). Viele davon sind mündlich aus Trent überliefert.
Grimmen
„In der Stadt Grimmen gab es früher viele Hexen“, heißt es wiederum in den Sagen des Kreises Grimmen. (link
Einige der hier als Hexen Verfolgten sind namentlich bekannt. Die Stadt hat 2006 der letzten bekannten „Hexe“, Anna Kröger, die 1697 auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, ein Relief gewidmet, das am Verwaltungsgebäude der Stadtverwaltung in der Langen Straße zu sehen ist. Ein Überblick über den Hexenglauben in Grimmen findet sich in dem Aufsatz „Hexen und Hexerei in Alt-Grimmen“ (1931) hier (link)

Greifswald
Als die Große Glocke der Greifswalder Marienkirche im Jahr 1621 neu gegossen werden sollte, misslangen sowohl der erste als auch kurz darauf der zweite Versuch. Eine Hexe musste Schuld sein! Es fand sich auch eine vermeintliche Hexe: die Glantzesche. Unter der Folter „gestand“ die arme Frau und wurde 1622 auf dem Scheiterhaufen verbrannt. (link). Ihr Fall wurde auch in den Spruchakten der Greifswalder Fakultät behandelt (die ihre Schuld als erwiesen ansah). Link
In Greifswald selbst gibt es ebenfalls einen Fangenturm, der im Mittelalter erbaut und in Teilen als Kerker genutzt wurde. Ob dort auch der Hexerei verdächtige gefangen gehalten wurden, ist nicht bekannt. Jedenfalls kann man sich im botanischen Garten über Heilkräuter schlau machen: dort findet sich das Große Hexenkraut. Die sehenswerten historischen Gewächshäuser stammen jedoch aus dem 19. Jahrhundert. Auch in und um Greifswald gibt es einige Sagen über Hexen (link).
Usedom
Auf Usedom finden sich noch etliche weitere Zeugnisse der verfolgten Hexen, ebenso wie viele Sagen rund um Hexen (link).
Zempin (Hexenheide)
Mancherorts haben sich die abergläubischen Namen der frühen Neuzeit erhalten. Bei Zempin zum Beispiel lässt es sich wunderbar über die "Hexenheide" wandern. Die Gegend ist sicher zauberhaft. Um die grausame Bestrafung, der die vermeintlichen "Hexen" ausgesetzt waren, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, erinnert hier eine Stele an die Hexenverfolgungen auf Usedom. Es gibt aber dort auch noch einen Wunschbaum: wer weiß, ob der nicht doch wirkt? Liebesschlösser sind ja auch wirksam, wie viele Brücken und Stege auch auf Usedom beweisen.
Koserow (Die Bernsteinhexe)
In Koserow befindet sich heute eine Plakette zur Erinnerung an die Hexenverfolgung, die es auf Usedom tatsächlich gab, auch wenn Maria Schweidler aus dem bekannten Roman Die Bernsteinhexe von Wilhelm Meinold eine erfundene Figur ist. Wer angesichts der Gräuel eine kleine Pause braucht: hier findet sich auch die Gaststätte "Bernsteinhexe".
Loddin (Galgenberg)
Wie der Name schon verrät: Galgenberge waren die Orte, an denen Kriminelle, 'Hexen' und sicherlich auch viele aus heutiger Sicht Unschuldige hingerichtet wurden. Berge wurden gewählt, da sie meist etwas außerhalb der Ortschaft waren und die Hinrichtungen dort weithin zu sehen waren. Der Abschreckungseffekt war erwünscht. In Loddin und auch in Barth findet sich noch ein Galgenberg und in Laage bei Rostock sogar noch der Schmooksberg, so genannt weil auf ihm 'Hexen' verbrannt („geschmökt“) wurden.
Burg Penzlin (Museum)
Auf einer Tour durch die zauberischen Orte Pommerns sei ein kleiner Ausflug nach Mecklenburg empfohlen, denn hier befindet sich das Museum für Alltagsmagie und Hexenverfolgung (link). Der gruselige „Hexenkeller“ dort hat hat sich in der Sagenwelt aus Mecklenburg verewigt. Noch heute kann man dieses gruselige Verlies besichtigen und sich im Museum über die Geschichte der Hexenverfolgung informieren.
Burg Stargard
Auch die nahegelegene Burg Stargard ist einen Besuch wert, denn hier fand der wahrscheinlich letzte Hexenprozess des Herzogtums Mecklenburg-Strelitz statt. Die Original-Quellen sind leider inzwischen (ebenfalls) einem Brand zum Opfer gefallen, aber diesem Zitat aus dem Jahr 1936 gemäß, wusste eine 17jährige sich noch rechtzeitig zu wehren... (link)
Stettin/ Szczecin
Auf der heute polnischen Seite Pommerns wurden ebenfalls mehrfach Hexen verurteilt und hingerichtet, auch dort versucht man, die Verfolgten in Erinnerung zu behalten. In Szczecin ist auch noch eine Hexenzelle zu besichtigen (link).
Die wohl bekannteste unter den Stettiner Verfolgten war Sidonia von Borcke (auch: von Bork). Sie wurde in der Oderburg gefangen gehalten und schließlich 1620 in Stettin enthauptet und anschließend verbrannt. Nach ihrem Tod soll sie sogar noch im Stettiner Schloss als weiße Frau gewandelt sein. Heute gibt es in Stettin eine eigene Führung zu Sidonia von Borcke, auf Polnisch und Deutsch.
Link
Auf dem damaligen Heumarkt wurde Elisabeth von Doberschütz 1590 ebenfalls enthauptet, die aus Neustettin (Szczecinek) stammte.
Der Gollenberg (Góra Chełmska)
Von Szczecin aus ist der Gollenberg nicht weit: Bis zur Reformation ein Wallfahrtsort, stand der Gollenberg im Verdacht, auch ein „Blocksberg“ zu sein, auf dem sich die Hexen in der Walpurgisnacht zum Tanz trafen. Auch wenn man keine besenreitenden Hexen mehr antrifft, lässt es sich dort doch schön wandern; auf dem Berggipfel steht ein 1888 erbauter Aussichtsturm. Eine schöne Aussicht hat man auch vom Bocksberg in Fiddichow (Widuchowa), der aufgrund einer früheren Burgwallanlage gleich doppelt interessant ist. Heute steht auch dort eine Aussichtsplattform. Weitere „Blocksberge“ sollen vor allem in Hinterpommern zu finden sein, Alfred Haas erwähnt verschiedene, unter anderem bei Groß Reetz (Rzeczyca Wielka). Auch in der Gegend um Cammin finden sich Blocksberge, dazu gibt es auch noch eine Sage.
Hexen in Sagen und Märchen
Es gibt zahlreiche Sagen und Märchen aus Pommern, in denen magische Kräfte, Hexen und Hexenmeister eine bedeutende Rolle spielen. Auch in diesen finden Hexen oft ein grausames Ende, aber meist ist die brutale Gewalt einfach ein Teil der Märchenwelt und wird als ebenso selbstverständlich erachtet wie sprechende Tiere oder gläserne Berge. Im Märchen von der „wunderschönen Prinzess“ muss die alte Hexe gleich neunmal sterben, bevor sie „ihre Grabesruhe genießen“ darf. Anders als in den Märchen, in denen alle Hexen – und sogar die wenigen Hexenmeister (wie in dem „Märchen vom Himphamp“) – böse sind, gibt es in den ortsnahen Sagen auch unschuldige Verdächtigte:
Die Sage vom unschuldigen Hexenmeister.
In dem Dorfe Boltenhagen im Kreise Greifswald lebte einmal ein frommer, kluger Mann, der für einen Hexenmeister gehalten wurde. Er wurde daher an einen Pfahl gebunden, um lebendig verbrannt zu werden. Da sprossen aber auf einmal drei frische grüne Zweige aus dem Pfahle heraus, und nun erkannten alle Leute, daß er unschuldig sey, worauf sie ihn am Leben ließen. Mündlich.
So beruhigend es auch auf den ersten Blick scheint, dass in der Sage ein Unschuldiger gerettet wird, scheint die Hürde für den Unschuldsbeweis doch recht hoch zu sein.
Wie der gruselige Titel bereits verrät, wird in der Sage “Die verbrannte Hexe zu Hohendorf“ eine schuldige Hexe bestraft - dass aber erst ein sprechender Rabe erscheinen muss, um die Schuld zu bestätigen, deutet darauf hin, dass manch einer noch Zweifel hegte, ob die die "Hexe" womöglich doch unschuldig war. Der gelehrte Pfarrer, der nicht an ihre Zauberkräfte glauben wollte, mag einer der ersten gewesen sein, der den Aberglauben entgegen trat. Die Moral von der Geschicht, "daß Kirchengehen und Bibellesen allein es nicht thuen", scheint vernünftig, lässt aber die Frage offen: was tut es dann?
Dagegen beleuchtet die Sage von der Hexenrute die verlockende Seite der Magie: die Hoffnung auf Reichtum und Macht. In diesem Fall ist die Strafe dafür noch nicht einmal besonders hart.
Hexen und Hasen waren eng verbunden in der Sagenwelt: Hexen konnten sich in Hasen verwandeln um schnell und unbemerkt von hier nach da zu kommen - vermutlich war ein Hase weniger auffällig als ein Besen. Andererseits waren dreibeinige Hasen besonders verdächtig ...
Aus Trent auf Rügen kommen besonders viele der Sagen in Jodocus Temmes Sammlung der Märchen aus Pommern. Hexen und Zauberer spielen aber auch in der Sagenwelt von Usedom und Wollin eine gewichtige Rolle. Der Ursprung so mancher der Sagen in der realen Hexenverfolgung ist zumindest bei einigen von ihnen unverkennbar.
Abgerglauben ist wohl überall verbreitet. Aus Fernowsfelde (heute Rabiąż) auf Wollin kommt der gute Rat: "Kuhblumen (Calta palustris), am Volbrechtsabend vor die Thüren der Viehställe gestreut, halten die Hexen ab" (Ulrich Jahn, link). Die Walpurgisnacht, die Nacht vor dem 1. Mai, wurde in Pommern Volbrechtsabend oder auch Wolpersabend genannt.
Historisches: Hexenverfolgungen in Pommern
Magie fasziniert mit oder ohne Zauberstab, wer hätte nicht gern magische Kräfte? Hexen kennen wir heute aus Film und Literatur als kluge Frauen mit einer großen Portion Selbstbewusstsein, deren Macht kontinuierlich wächst. Über viele Jahrhunderte war der Glaube an die „Zauberey“ in Europa jedoch eher mit Angst behaftet: dahinter steckte unbedingt der Teufel.
In der frühen Neuzeit wurden Hexen in Europa – anders als in asiatischen Ländern – nicht für ihre Kräfte oder Heilkünste bewundert, sondern verfolgt, verurteilt, gefoltert, gehängt oder verbrannt, auch im protestantisch geprägten Nordosten. Die Folterinstrumente und der „Hexenkeller“ in der Burg Penzlin (Mecklenburgische Seenplatte, (link) zeigt noch heute eindrücklich, wie grausam die Methoden waren, mit den Frauen und Männer der Hexerei „überführt“ wurden. Etwa ein Fünftel der Opfer waren männlich. Die meisten „Hexen“ waren Opfer von Verleumdung, Neid oder Machtkämpfen. Nur die Allerärmsten und die Ausgestoßenen hatten so wenig zu verlieren, dass sie auch den Teufel nicht mehr fürchteten: Für manche von ihnen schien die Hexerei der letzte Ausweg aus der Armut oder der einzige Schutz vor einer feindseligen Nachbarschaft. Gelegentlich steckte wohl auch die berauschende Überzeugung dahinter, von höheren Mächten beschützt zu werden, und seien sie auch des Teufels. Die Hexenverfolgungen, die auf Angst vor der Macht der Hexen – oder eigentlich der des Teufels – basierten, erzählen uns wiederum viel über das Leben der Menschen in der frühen Neuzeit: über ihre Art, die Welt zu verstehen und über ihren Glauben, der durchaus nicht ganz so unerschütterlich war, wie es manchmal scheint. In einer vorwissenschaftlichen Welt gab es kaum Erklärungen für grausame Kriege, hereinbrechende Naturkatastrophen, tödliche Krankheiten bei Mensch und Vieh oder die gefürchteten Stadtbrände, die sich rasend schnell ausbreiten konnten. Alles Böse war des Teufels, und der Teufel stets auf der Suche nach verlorenen Seelen. Fluchende Frauen – wie das „fluchende Weib von Demmin“ in der pommerschen Sage galten als Gefahr für die ganze Gesellschaft, denn sie brachten Unheil über alle: ihre Flüche lockten den Teufel an und der konnte die ganze Stadt mit einem irdischen Höllenfeuer überziehen.
Anschuldigungen und Anklagen wegen Hexerei verraten aber auch einiges darüber, wie in früheren Zeiten Konflikte ausgetragen und gelöst wurden. Häufig lag einer Hexenverfolgung ein Streit zugrunde: Nachbarschaftsstreitigkeiten und Familienstreitigkeiten, Religionsstreitigkeiten, Konflikte zwischen Eigenständigkeit und Unterordnung (gerade bei Frauen) lösten allein noch keine Verfolgung aus. Kam es jedoch zu einer unerklärlichen schwere Krankheit, einem unerwarteter Tod, eskalierte der Konflikt zu einer Hexenverfolgung: der Streitpartner hatte sich gerächt. Man wehrte sich, indem man Anklage erhob. Auch sozial unerwünschtes Verhalten konnte der Auslöser für eine Anklage sein, und eine Anklage der Beginn einer Verfolgungswelle, die sich ähnlich rasch ausbreitete wie ein Stadtbrand. Unter der Folter beschuldigten Hexen wieder andere der „Zauberey“, und zumindest zeitweilig galten auch diese erzwungenen „Geständnisse“ als Beweismaterial für einen weiteren Prozess, der die nächsten Opfer in Mitleidenschaft zog.
Hexenprozesse, so die neuere Forschung, sind aber auch im Zusammenhang mit Kriminalitätsgeschichte zu sehen: der Vergleich mit der Strafverfolgung anderer Verbrechen zeigt, was zum Beispiel bei Folter und Strafe vertretbar schien und was nicht. Ein hochinteressanter Fall ist der von Isabella Schlichtekrull (link:
Ein ungewöhnlicher Fall aus Anklam, bei dem die Verfolgte Entschädigung für die ihr angetane Folter beantragt hat, ist der von Isabella Schlichtekrull (verheiratete Lüdtke/Radtke) aus dem Jahr 1589 (link). Der Fall verdeutlicht, dass nicht alles erlaubt war, und das eine kundige Frau wie Isabella Schlichtekrull (oder wie sie selbst ihren Namen schrieb, „Schlichtekrölsin“) sich vor dem Reichsgerichtskammer in Speyer auf die „Peinliche Hals- und Gerichtsordnung“ Kaiser Karls V. von 1536 berufen konnte, um Schadensersatz für das ihr zugefügte Unrecht zu verlangen. Bekommen hat sie das Geld wohl nie, aber das Gericht erkannte zumindest ihre Klage als begründet an.
Die korrekte Durchführung eines Hexenprozesses wurde generell unter den Juristen der Zeit diskutiert. So verraten die Akten aus den Hexenprozessen, ebenso wie die zahlreichen Schriften, die dazu erschienen, dass nicht jede vermeintliche Hexe des Teufels war, nicht jede Form von Folter erlaubt und nicht jede Aussage glaubhaft. Nicht jede „Hexe“ wurde schuldig gesprochen. Gab es Hexen oder gab es sie vielleicht gar nicht? Auch diese Debatte wurde lebhaft geführt.
Die Sagen und Märchen aus der Zeit schlagen sich da eindeutig auf die Seite der Zauberei: natürlich gibt es Hexen! Aber auch in den Sagen wird immer wieder versucht, Beweise für die Schuld oder Unschuld der Hexe zu finden. So zum Beispiel in der Sage vom Hexenmeister, der an einen Pfahl gebunden wird, weil er verbrannt werden soll: plötzlich sprießen grüne Zweige aus dem toten Pfahl und beweisen seine Unschuld. (Wohlbemerkt eine Form von Unschuldsbeweis, die schwer zu erbringen war.) Ein schwarzer Rabe wiederum, der nach einer Hexenverbrennung auftaucht, gibt den vielleicht doch noch Zweifelnden die Sicherheit, dass die Hexe sehr wohl schuldig gewesen sein musste.
Über die Digitale Bibliothek MV sind nicht nur die Sagen einsehbar sondern auch historische Einführungen zum Thema und vor allem Originalquellen: Akten über Hexenprozesse und sogenannte Spruchakten (Anfragen an juristische Fakultäten bezüglich der Prozessordnung), Urkunden oder auch Flugblätter: so entsteht ein umfassenderes Bild der Hexenverfolgung.
Geschichte der Hexen in Pommern (in der Digitalen Bibliothek MV)
Einführungen zum Thema "Hexenwesen und Zauberei in Pommern" finden sich unter anderem hier: (Alfred Haas) link und hier (Ulrich Jahn)Link
Die Digitale Bibliothek enthält auch zahlreiche Originalquellen aus der frühen Neuzeit. Gerichtsprozesse aus der Zeit verraten einiges über die Geisteswelt der Menschen, sind aber keine leichte (Lese-)Kost. Beispielhaft führen wir einige auf, in denen sich allerlei böse Mächte erkennen lassen, wenn auch der Beweis für die „Zauberey“ aus heutiger Sicht nicht erbracht wird.
In den sogenannten Spruchakten wurden zwischen den lokalen Gerichtsbarkeiten und der Fakultät in Greifswald Fälle diskutiert, auch die Anwendung von Folter als Mittel der Wahl, ein Geständnis zu erpressen, ebenso wie die "angemessene" Bestrafung. So findet sich dort der Fall der Anna Maria Kröger (Hermann) aus Grimmen geschildert. In der digitalen Bibliothek der Szczeciner Pommerschen Bibliothek (Ksianica Pomorska) finden sich wiederum Akten zu einem frühen Beispiel der Hexenverfolgung in Demmin.
Zu Sidonia von Borcke finden sich in der Digitalen Bibliothek MV die Strafprozeßakten aus dem Landesarchiv Greifswald sowie die Zusammenstellung Sidonia Borcke: Vermischte Urkunden: Eine Sammlung historischer Quellen, darunter Portraits und Aktenauszüge aus den Prozessen, zu dem Fall Sidonia von Borcke, zusammengestellt von Georg Sello (1901). An historischen Quellen finden sich außerdem Flugblätter, wie dieses hier mit dem schönen Titel „Warhafftige Erschreckliche newe zeittg gesicht vnd geschicht So sich ausserhalb vnd in
der Stadt Stralsund, dieses itztlauffenden 1597Jars zugetragen vnd begeben alß das es zu vnterschiedlichen malen vnd örtern Blut und Schwefel geregnet auch Feuer vom Himmel auf Sanct Marien Kirchen daselbst gefallen. Jtem: von einem wunderbarlichen Gesichte so einem Bürger daselbst begegnet“ oder auch
Nikolaus Gentzkows Tagebuch, das die womöglich erste Hexenverbrennung am 23. März 1558 in Stralsund erwähnt: drei Frauen und ein Mann wurden verbrannt. Die Frauen hätten sich Familiare gezaubert (dämonische Geister, oft in Tiergestalt), mit deren Hilfe sie anderen Schaden zufügten, berichtet er, und sie hätten ihre Künste zum Teil bewiesen.
Die Hexenverfolgungen blieben der Obrigkeit nicht verborgen, deren Aufgabe es war, für Recht und Ordnung zu sorgen. So wundert es nicht, dass Edikte erlassen wurden, wie die „Polizey Ordnung“ aus dem Jahr 1672/81:
"Dafern sich auch einigem diesen Landen befinden solten, welche auf des Teufels Kunst wahrsagen, oder durch Chrystallen und in andere Wege mit dem Teufel Gespräch hielten, Zauberey üben, und mit dem bösen Feinde gewisse Pacta hätten, wider dieselbe soll vermöge der gemeinen und üblichen Rechte verfahren werden, und soll eine jede Obrigkeit vermahnet seyn, solch abscheuliches Laster gebührend zu persequiren, und die, so strafbar erfunden werden, vermittelst eines summarischen, doch rechtmäßigen Prozesses, zur verdienten Strafe zu ziehen [...] Die Polizey-Ordnung im Herzogthum Vor-Pommern. Vom 18. December 1672. Wie sie im Jahr 1681 revidirt und verbessert ist.
In der Polizeiordnung aus Mecklenburg hieß es hundert Jahre zuvor (ab 1562) noch, Hexen und Zauberer seien mit dem Feuer zu strafen. (link). Diese drastische Strafe für Hexen – Verbrennung – wurde auch gern mit dem Höllenfeuer gerechtfertigt, das diese Hexen ohnehin erwartete.
Auf der anderen Seite stehen Werke wie Jakob Brunnemanns Discurs von betrüglichen Kennzeichen der Zauberey (1708), veröffentlicht unter dem Pseudonym Aloysius Charitinus, zeigt, wie wenig glaubhaft bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts - also mit Beginn der Aufklärung - die bis dato für wahr gehaltenen Zeichen der Zauberei waren, und verlangt, dass Hexenprozesse sich ernsthaft mit der Glaubwürdigkeit der Zeichen und Zeugen auseinandersetzen. Brunnemann war ein Jurist aus Kolberg, der zunächst in Halle lehrte und später im pommerschen Stargard Direktor des Schöppenstuhls wurde.
Durch Volltexte werden auch handschriftliche oder in Fraktur gedruckte Schriften durchsuchbar, bei der automatischen Texterkennung ist dennoch zu beachten, dass vor allem Namen gelegentlich falsch transkribiert werden.
Hexen in der Literatur
Das Schicksal der Frauen, die als Hexen verbrannt wurden, beschäftigt seit dem 19. Jahrhundert auch die Literatur. Mit den durchaus ebenso magischen Kräften der Fiktion werden historische Fälle zum Leben erweckt.
Die Digitale Bibliothek enthält eine Auswahl pommerscher Erzählungen zum Thema. Konrad Mass, geboren in Anklam, war ein Autor, der sich in seinen Erzählungen mit der Geschichte Pommerns auseinandersetzte. "Sylvia" ist ein eher unbekanntes Werk, in dem die namensgebende Figur in der Zeit nach dem dreißigjährigen Krieg mit ihren schwarzen Haaren und ihrer Liebe zur Natur so gar nicht in die Zeit passen will. Auch wenn ihr Vater der Pfarrer ist, dauert es "nicht lange: so erzählten sich die alten Weiber am Spinnrocken, und die Männer erzählten es ihnen nach: die Tochter des Pfarrers sei mit einer Hexe im Bunde, wenn sie nicht gar selbst eine Hexe sei."
Wilhelm Meinholds berühmter Roman Die Bernsteinhexe aus dem Jahr 1843 ist eine fiktive Erzählung aus der Zeit der Hexenverfolgung, die zunächst - wie zu der Zeit nicht unüblich - vorgab, auf einer wahren Begebenheit zu beruhen. Maria Schweidler, die Protagonistin des Romans, sammelt und verkauft Bernstein um damit Almosen zu kaufen - ihr scheinbarer Reichtum wird aber von der Bevölkerung misstrauisch beäugt. Wie es sich für eine Romanheldin gehört, ist sie jung und schön - aber wird sie Hexe verbrannt...? Wilhelm Meinhold (1797-1851), der aus Netzelkow von Usedom stammt, schrieb noch einen weiteren Hexen-Roman, Sidonia von Bork (1847), der ebenfalls ins Englische übersetzt wurde und sogar in Großbritannien Künstler und Autoren inspirierte.
Ludwig Hamanns Die Klosterhexe von Marienfließ und der Untergang des Pommerschen Herzogs-Geschlechts ist ebenfalls ein Roman über Sidonia von Borcke, dieser aus dem Jahr 1910. Ihr Leben wurde mehrmals zum Stoff für Erzählungen. Sidonias grausame Verfolgung wurde schon früh in Sagen und Novellen überliefert, die englischen Übersetzungen inspirierten den Präraffaeliten Edward Burne-Jones zu einem Aquarell.Sogar Theodor Fontane begann, ihre Geschichte zu verfassen, diese ist jedoch nur als Fragment erhalten. Wir tragen hier einige historische Werke und Sagen digital zusammen. Neu und noch zu kaufen ist, bislang nur auf Polnisch, Leszek Hermans Roman von 2015, Sedinum. Wiadomość z podziemi (Sedinum. Eine Nachricht aus dem Jenseits), der sich ebenfalls mit Sidonias Leben befasst.
Hans Hoffmann (1848-1909) stammt aus Stettin und läßt in seinen Werken das Pommern sowohl seiner Zeit als auch der Geschichte aufleben, sein Fokus sind realistische Figuren, die psychische Konflikte erleben: im "Hexenprediger" ist es ein Prediger aus Stettin, der sich auf Abwege begibt. In seiner humorvollen Kurzgeschichte "Die Teufelsmauer" tritt allerdings der Teufel persönlich auf, denn eine unverdrossene Frau ist auf der Suche nach dem passenden Ehemann, und wenn es der Teufel persönlich wäre.
Die bekanntesten „Hexen“ Pommerns
Elisabeth von Doberschütz aus Neustettin wurde noch einige Jahre vor Sidonia von Borcke (1590/91) als Hexe verurteilt und auf dem Heumarkt in Stettin enthauptet. Auch ihr wurde zur Last gelegt, sie wäre für den Niedergang des Pommerschen Herzoghauses verantwortlich, speziell soll sie der Herzogin Erdmuthe von Pommern einen "Hexentrank" gereicht haben, der diese unfruchtbar machte. Der Historiker Max von Stojentin, einer der ersten, der ihren Fall wieder bekannt machte, vermutete eine politische Intrige, die eigentlich gegen den Ehemann gerichtet war. Doch war der Verleumder, Jakob von Kleist, auch für etliche andere brutale Hexenverfolgungen in Neustettin verantwortlich und verlor schließlich sogar die Gunst des pommerschen Herzogs deswegen.
Sidonia von Borcke (1548-1629) ist wohl das bekannteste pommersche Opfer der Hexenverfolgung. Sie lehnte sich gegen das Erbrecht auf, das ihren Bruder bevorzugte, und nach ihrem Eintritt in das Kloster Marienfließ legte sie sich mit der Priorin an. Eine so unabhängige und streitbare Frau entsprach nicht den Idealen der Zeit, ihre Klosterschwestern bezichtigten sie der Hexerei. Unter der Folter sagte sie aus, mit Hilfe der Hexerei den Tod des pommerschen Herzogs Philipp II. verursacht zu haben – eine offensichtlich erzwungene Aussage, die sie später widerrief, aber der Aberglaube der Zeit sog diese Kunde begierig auf. Ihre Zeitgenossen suchten nach einer Erklärung für das sich bereits abzeichnende Aussterben der pommerschen Herzöge, und die teuflische Hexerei bot eine umfassende und daher plausible „Erklärung“ für die eigentlich sehr unterschiedlichen Ursachen, die zum Verschwinden der Linie führten (darunter Kinderlosigkeit, der Dreißigjährige Krieg und frühe Tode). Von Borcke wurde mit dem Schwert enthauptet und anschließend verbrannt (möglicherweise wurden sie wegen ihres höheren Standes mit dem Schwert getötet, aber das ist unklar). Vielleicht hätte es einfach eine andere „Hexe“ getroffen, wenn Sidonia von Borcke nicht genau zu der Zeit als aufmüpfige Frau auffällig geworden wäre, vielleicht traute man aber auch nur einer adeligen Frau zu, ihre Zauberkräfte bis hin zu den Fürsten zu richten.
Anna Maria (Kröger) Hermanns
In den Grimmer Sagen (link) wird ganz spezifisch eine Anna Maria Hermanns genannt, die im Mai 1697 hingerichtet worden sei. In den Greifswalder Spruchakten von 1697 (2. März) findet sich wiederum eine „Anna Maria Krögers, - Hans Hermans Ehrweib“, die exekutiert werden soll. Strittig war der Fall nur noch, weil sie ihren Sohn das Zaubern gelehrt haben könnte.In der Sage hat sie veschiedene Teufel und sogar einen Drachen zu ihrer Verfügung. Vermutlich hätte sich die echte Anna Maria Kröger Hermann (in den frühen Akten wird oft auch der Geburtsname genannt) gewünscht, sie hätte einen Drachen, der ihren Sohn vor der drohenden Verfolgung hätte beschützen können. Über sein Schicksal ist nichts bekannt.
Isabella Schlichtekrull
Eine weitere starke Frau aus Pommern, deren selbstbewusste Lebensgestaltung das eigentliche Problem gewesen zu sein scheint: Isabella Schilchtekrull aus Anklam war dreimal verheiratet, gerüchtehalber hatte sie im Kindsbett den Teufel um Hilfe angerufen. Vermutlich wurde sie aber durch einen anderen Hexenprozeß durch die in der Folter erzwungene Aussage einer Bekannten mit in deren Unglück gerissen. Sie wurde sie 1589 verhaftet und verhört, auch mehere Male gefoltert, weigerte sich jedoch, sich schuldig zu bekennen – eine gewaltige Leistung angesichts der üblichen Torturen der Zeit. Sie kam aus der Haft frei, musste jedoch auf Entscheidung der juristischen Fakultät in Greifswald das Land Pommern verlassen (die Spruchakte scheint leider nicht erhalten zu sein). Sehr ungewöhnlich für die Zeit war, dass sie Berufung beim Reichskammergericht einlegte und die Herzöge von Pommern auf Schadensersatz verklagt. Offenbar schrieb sie eigenhändig, ihre Briefe und etliche andere Unterlagen zu dem langwierigen Prozess sind noch erhalten, sie finden sich unter den Gerichtsakten aus Speyer und Prag. Eine Zusammenfassung des Falls hat der bekannte Sagenforscher Alfred Haas zusammengestellt.



